09.02.2012 02:39

Schokoladenpulver und Trinkschokolade

Eine schöne Tasse heiße Schokolade ist genau das Richtige, um kalte Finger zu erwärmen und das winterlich-melancholische Gemüt aufzuheitern. Sie ist warm und süß und bereits der Geruch weckt Kindheitserinnerung – vielleicht wird sie deshalb meistens noch als Kindergetränk bewertet.

Das war nicht immer so: Schon vor 2.500 Jahren wurde Kakao von den Völkern in Yucatán im heutigen Mexiko kultiviert. Zu besonderen Anlässen bereiteten sie aus gerösteten, gemahlenen Kakaobohnen, aufgeschlagen in kaltem oder heißem Wasser, das nahrhafte Getränk “Xocolatl” nur für Adelige, Priester und Krieger zu. (Letztere stärkten sich auf ihren Feldzügen auch mit Oblaten aus getrocknetem Kakaopulver und nahmen gleichsam den Instantgedanken vorweg). Damit sich oben auf der Xocolatl – von dem das heutige Wort “Schokolade” abstammt – Schaum bildete, wurde die Flüssigkeit von einer Schale in die andere hin und her gegossen.

Im Europa des 16. Jahrhunderts fand man am herb bitteren “flüssigen Gold” zunächst wenig Gefallen und betrachtete die Kakaobohne eher als Kuriosität aus der Neuen Welt. Schnell änderte sich dieses Urteil, als ein spanischer Höfling den Einfall hatte, der nun heiß getrunkenen Schokolade Rohzucker, einer weiteren Neuheit aus den Kolonien, beizumischen. Es dauerte nicht lange und sie erlangte am spanischen und später am französischen Hofe Kultcharakter als Ausdruck für ein genussreiches und sinnenfrohes Dasein. Nicht nur der Genuss an sich war ausschlaggebend, sondern auch das Drumherum – Schokolade wurde nicht einfach nur getrunken, sie wurde zelebriert: Bei den Einladungen der französische Königin z.B. wurde die Schokolade von Mohren in orientalischen Gewändern – meistens mit einem Glas Wasser – serviert.

Von Frankreich aus wurde der Genuss des exotischen Getränks während ausgiebiger Ruhezeiten rasch auch an anderen europäischen Höfen en vogue. Manche adlige Damen wollten sogar beim Kirchgang nicht auf die stärkende Wirkung ihrer heißen Schokolade verzichten und ließen sie sich während der Messe servieren. Für Kinder wurde das Getränk in jener Zeit allerdings als ungeeignet angesehen.

Der Luxus spiegelte sich auch in den speziell für die Schokolade entworfenen Tassen und Kannen wieder, die inzwischen als Statussymbol zur Ausstattung jedes adligen Haushalts im Zeitalter des Barock gehörten. Europas erste Porzellanmanufakturen Meißen (Deutschland) und Sevres (Frankreich) entwickelten Porzellan-Silberservices mit Tassen, die zunächst wie bei den Azteken mit zwei Henkeln – ähnlich einer Suppentasse – ausgestattet waren; später benutzte man hohe Tassen mit nur einem Henkel. Getrunken wurde jedoch häufig nicht aus der Tasse, sondern aus der Untertasse, der sog. „Trembleuse“, um so die heiße Schokolade auf eine trinkbare Temperatur abzukühlen. Damit sich die Kakaobutter nicht oberhalb des Getränkes absetzte, wurde die Schokolade wie Xocolatl mit einem Quirl stark gerührt bzw. “aufgeschäumt”. Die typischen Kakaokannen, die sog. „Chocolatièren“, hatten hierfür ein Loch im Deckel zum Einführen des Schokoladenquirls und hatten eine oben schmale und unten bauchige Form. Von der Gestaltung her waren Chocolatièren getreu mexikanischen Vorbildern nachempfunden. Zum Eingießen wurde ein Griff benutzt, der im rechten Winkel zur Tülle angebracht war.

Mit der Zeit gelangte das Getränk auch in öffentliche Schokoladenstuben, die allerorts neben den beliebten Kaffeehäusern eröffneten. In diesen sog. „Erfrischungsräumen“ durften die Damen der feinen Gesellschaft sogar ohne Herrenbegleitung an ihrer heißen Schokolade nippen und dazu feines Gebäck kosten. Heutzutage heißen die Erfrischungsräume nicht mehr Schokoladenstuben, sondern Cafés, und die Schokolade wurde als beliebtestes Heißgetränk vom Kaffee und Tee überholt. Denn im Zuge der Industrialisierung neigte sich die Blüte der Trinkschokolade im 19. Jahrhundert zum Ende, als Schokolade in Tafelform zur Speise für die Massen wurde.

Mittlerweile wird Trinkschokolade weit weniger konsumiert wie zu der Zeit vor der Erfindung der Tafelschokolade. Dennoch ist sie aus unserem Alltag, vor allem bei Kindern, nicht wegzudenken. Und inzwischen finden sich auch immer mehr erwachsene Anhänger, die sich der alten Kakaotradition besinnen und in speziellen Schokoladengeschäften und -Cafes vom hektischen Tagesablauf sich mit einer echten heißen Schokolade stärken. Denn während hippe Kaffeeketten ihre Getränke mit flotter Lieferung und dem entsprechenden „to go“ anbieten, hat die Zubereitung einer Trinkschokolade viel mit Entspannung und Müßiggang zu tun.

Aber heiße Schokolade ist nicht gleich heiße Schokolade – es gibt große Unterschiede bei Zutaten und Zubereitung.

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