09.02.2012 02:40

Vom Getränk Kakao zur Tafel Schokolade

Dezember 6, 2009 nach  
Abgelegt unter Geschichte

Die maschinelle Fertigung begann 1789 mit der Anschaffung einer Watt’schen Dampfmaschine durch den englischen Schokoladenfabrikanten Joseph Storrs Fry, um damit Kakaobohnen zu mahlen. 1826 setzte der Schweizer Philippe Suchard den ersten Mélangeur ein, einen Mixer zur Vermischung von Zucker und Kakaopulver. Zwei Jahre später ersann der Holländer Coenraad Johannes van Houten eine Möglichkeit, der Kakaobohne den größten Teil ihres Öls, die Kakaobutter, zu entziehen. Knapp zwei Jahrzehnte später behandelte van Houten das Kakaopulver mit Alkalisalzen. Kakao wurde dadurch nicht nur bekömmlicher und schmackhafter, sondern das Pulver ließ sich auch besser mit Wasser vermischen – die Basis zur Produktion von Essschokolade.

Diese wurde 1849 erstmalig in Birmingham mit großem Erfolg auf den Markt gebracht: Wieder war es die Firma J.S. Fry & Sons, die ein Verfahren entwickelte, Kakaopulver und Zucker mit geschmolzener Kakaobutter (bis zu diesem Zeitpunkt noch ein Abfallprodukt) anstelle von Wasser zu vermischen. Das Ergebnis war ein bekömmlicherer, weniger zähflüssiger Teig, der nach dem Abkühlen nicht so brüchig war wie die einstigen Schokoladenkuchen der Cioccolatieri. Die gleichzeitige Erfindung der Eintafelanlage ermöglichte, Schokoladentafeln von einheitlichem Gewicht herzustellen. Vier Jahre später produzierte J.S. Fry & Sons auch den ersten Schokoriegel, den sog. „Cream Stick“.

Es war der Beginn der industriellen Fertigung in großen Mengen.

1859 beginnt MOST Schokolade in Halle, Saale als eine der ersten deutschen Schokoladenhersteller mit seiner Produktion. Bernhard Most übernahm eine Pfefferkuchenfabrik und formte daraus bereits bis zur Jahrhundertwende eine der größten Hersteller von Schokolade in ganz Deutschland (siehe Bild oben).

Zeitgleich wurde die Frage nach einer Qualitätskontrolle von Schokolade immer dringlicher: War ihre Zusammensetzung zunächst noch mehr oder weniger beliebig, so wurde in der zweiten Jahrhunderthälfte allmählich festgelegt, was Schokolade im Einzelnen enthalten durfte. Die medizinische Fachzeitschrift ‘The Lancet’ aus England veröffentlichte, dass in nicht weniger als 60% der getesteten Schokoladenproben teils giftige Zusätze gefunden worden waren. So war es durchaus normal, dass Schokolade mit billigeren Stoffen wie z.B. Kakaobohnenschalen, Kartoffelstärke, Getreide-, Kastanien- oder Bohnenmehl, Sand, Kreide, Ziegelsteinpulver, Talk, Ziegenmehl, Mineralöl und Olivenöl gestreckt wurde; nachgewiesen wurden aber auch Spuren von Gips, Gummi oder sogar Eisenspäne. Ähnliche Analysen mit entsprechend schlechten Ergebnissen gab es auch in Frankreich, so dass im Jahre 1860 das britische Lebensmittelgesetz und 12 Jahre später das Lebensmittelverfälschungsgesetz in Kraft traten.

Durch Erhitzen gelang es dem Schweizer Kindernahrungshersteller Henri Nestlé im Jahre 1867, frische Kuhmilch in Form von Milchpulver zu konservieren. Acht Jahre Später machte sich sein Landsmann Daniel Peter dieses Konservierungsverfahren zunutze und kombinierte Kakaobohnen mit kondensierter Milch. Die Milchschokolade war erfunden.

1879 entwickelte der Berner Confiseur Rodolphe Lindt die „Conche“; bis heute ein sehr wichtiger Schritt bei der Produktion. Im Längsreiber (der Conche) begann er, die Schokoladenmasse ausgiebiger als bisher zu walzen, damit so überschüssige Nässe verdampft und die unangenehmen Duftkomponenten verfliegen. Zusätzlich mengte er dem zähen Teig noch mehr Kakaobutter zu, so dass er eine seidig glänzende, geschmeidige Masse erhielt, die er „Chocolat fondant” nannte.

Allerdings blieb Schokolade weiterhin ein Luxus für gut betuchte, der nur zu besonderen Gelegenheiten genossen wurde. Dennoch belegte Deutschland schon damals mit einem pro Kopf-Konsum von 380 g Kakaobohnen im Jahr eine Spitzenposition unter den kakaoverbrauchenden Ländern. 80 Jahre später lag der Verbrauch bereits bei 2,5 kg Kakao (dies entspricht etwa 6,5 kg des Endproduktes Schokolade) und auch heute noch sind die Deutschen einer der führenden Kakaokonsumenten weltweit.

Parallel zum Konsum verschob sich auch der Preis: Im Jahre 1912 kostete eine Tafel Schokolade noch so viel wie 20 Brötchen. Doch mit der Aufhebung der in der Nachkriegszeit staatlich festgelegten Preisbindung schnellte 1964 der Absatz in die Höhe und der Preis sank. Zeitweise konnte man eine Tafel sogar für nur 60 bis 70 Pfennige erwerben.

Schokolade hat über die Jahrhunderte viele Entwicklungsstufen durchlaufen: Vom Götter- zum Kindergetränk, vom Luxus- zum Konsumgut, vom exquisiten Produkt für besondere Anlässe zum Snack für jede Gelegenheit. Inzwischen ist wieder eine entgegengesetzte Tendenz zur Billigware zu erkennen – hin zum Qualitätsprodukt. Durch hochwertige Ingredienzien und aufwendige Verpackungen grenzen sich die hochpreisigen Premium-Schokoladen von den niedrigpreisigen Handelsmarken ab. Viele Menschen sind heute bereit, für eine Tafel Schokolade von besonderer Qualität etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

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