Von der Neuen in die Alte Welt
Dezember 6, 2009 nach RomanMariaKoidl
Abgelegt unter Geschichte
Die Spanier kosteten – und waren überhaupt nicht angetan. Das „Bitterwasser” wollte dem europäischen Gaumen nicht recht gefallen, der Genuss entwickelte sich eher stockend. Erst mit der Beimischung von Gewürzen aus den neuen Kolonien wie Anis, Zimt und vor allem Rohrzucker, wurde Schokolade als Modegetränk beim spanischen Adel salon- und boudoirfähig. Nun trank man die süße Schokolade heiß wie die Maya und nicht kalt oder lauwarm wie die Azteken und schlug sie mit Milch statt Wasser auf.
Vor allem wegen seiner anregenden Wirkung erfreute sich der Kakao an dem streng katholischen spanischen Hof rasch großer Beliebtheit, denn Alkohol war verboten. Gerade in den zahlreichen Fastenzeiten bot die heiße Schokolade eine willkommene – und sättigende – Abwechslung. Damit lösten sie allerdings beim Klerus einen religiösen Disput aus: Ob das ursprünglich heilige Getränk das Fasten breche oder nicht (d.h. ob „Speise“ oder „Getränk“?), war hier die generelle Streitfrage. War es nicht ein zu sinnliches Vergnügen? Nach einigem hin und her untersuchte der römische Kardinal Banaccio das moralische Dilemma und kam zum Schluss: „Liquidum non frangit jejunum“ – also doch ein Getränk, das fortan sorglos zu jeder Zeit getrunken werden durfte und sich in Spanien sogar zum Nationalgetränk entwickelte.
Erst ein Jahrhundert später nahm die braune Bohne vom südlichen Europa aus ihren Weg über Portugal und Italien nach Frankreich. Für ihre Ausbreitung war – neben den Verbindungen zwischen den einzelnen Klöstern – vor allem der Kontakt der europäischen Königshäusern untereinander entscheidend. So soll 1615 die in Madrid aufgewachsene Infantin Anna von Österreich die Schokolade als Gattin König Ludwigs XIII an den französischen Hof gebracht haben. Schnell teilte der Adel die Begeisterung der neuen Königin – eine der meist geschätzten Einladungen in Paris war die zur „Schokolade bei ihrer königlichen Hoheit“.
Mit ihrer Verbreitung wandelte sich auch die Rezeptur der heißen Schokolade: Die Adeligen experimentierten mit den Ingredienzen und mischten intensive Duftstoffe wie Vanille, Jasmin, Limonen- oder Zitronenschalen hinzu; die eigenen Kreationen wurden streng gehütet. Nicht zuletzt wegen dieser kostbaren Zutaten, der staatlichen Kontrolle des Vertriebes (wie in Frankreich) oder Zölle (wie in Preußen) blieb der Kakao auf dem europäischen Kontinent weiterhin ein Getränk allein für die oberste Gesellschaftsschicht.
Nicht so in England, wo die Schokolade um 1650 auf die Insel kam. Viele kleine Händler nahmen sich hier dem Geschäft mit der teuren Ware an und machten sie für jedermann – der es sich leisten konnte – zugänglich. Es etablierten sich Kaffeehäuser, in denen auch Tee und Kakao angeboten wurden, wenngleich Schokolade darunter das mit Abstand teuerste Getränk war. Dies hatte wiederum zur Folge, dass die englischen Rezepte wieder simpler wurden, denn Kakao an sich war auch ohne weitere exotischen Gewürze schon kostspielig genug. So soll es auch ein Engländer gewesen sein, der 1726 das erste Mal Schokolade und Milch kombinierte, als er ein Getränk für den Chirurgen des Königs George II. zubereitete.
1728 verlor Spanien das Kakaomonopol und die Holländer kontrollierten von da an den Handel. Über Amsterdam – nun Drehscheibe des europäischen Kakaoimports – fand die Schokolade gemeinsam mit Kaffee und Tee ihren Weg nun auch in deutsche Kaffee- und Schokoladenstuben. Genossen beim „Lever“, dem Frühstück im Bett, oder zum Ende eines Festmahls galt Kakao noch etwa 200 Jahre lang als Luxusgetränk der Oberschicht. Mit dem Niedergang der Aristokratie im 19. Jahrhundert verlor jedoch auch ihr Getränk gegenüber den bürgerlichen wie Kaffee oder Tee an Bedeutung.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Bohnen noch wie bei den Mayas mit Mörsern oder Handwalzen zerrieben und die Kakaomasse in Formen abgekühlt. Dieser bittere Schokoladenkuchen wurde z.B. von sog. „Cioccolatieri“ auf italienischen Jahrmärkten zu Schwindel erregenden Preisen angeboten. Aufgrund seines hohen Fettgehaltes war dieser allerdings unverdünnt nur schwer verdaulich.
Mit der Erschließung neuer Anbaugebiete während der Kolonialzeit stieg die verfügbare Kakaomenge an. Die höheren Ernteerträge, die technischen Neuerungen im Zuge der Industrialisierung, der Wegfall von besonderen Steuern und der dadurch stetig fallenden Kakaopreis ermöglichten den Wandel vom Luxusartikel zum Massengut für breite Bevölkerungskreise. Heute sind Schokoladenprodukte in schier unvorstellbaren Mengen jederzeit und zu jedem Preis erhältlich.



